Da die psychotherapeutische Arbeit mit Bildern und Imaginationen die Abwehrmechanismen und Widerstände unterläuft, stoßen wir oft überraschend auf verborgene Wunden, wie uns z.B. auch die Baum-Bilder zeigen. Es ist dann wichtig, die sichtbaren Stärken im Bild aufzugreifen, um dadurch gewappnet auch an die Verletzungen gehen zu können (s.a. Schmeer 1990).
Es ist oft überraschend, wie schnell besonders Frauen anfangen,
von ihren Narben und Verletzungen zu sprechen, auch dann, wenn sie auf
den ersten Blick einen "schönen" Baum gemalt haben. Sie haben früh
gelernt, ihre Verletzungen zu verstecken.
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EDELTRAUD (Abb.83) und ANNA (Abb. 84) zeigen in sehr ähnlicher
Weise ihre zwei Seiten:
So fängt EDELTRAUD an, ihren Baum mit der Bemerkung zu beschreiben:
"Ich habe eine tiefe Narbe in mir, die sehr schmerzt."
Hier ist es sehr wichtig, diesen Satz zu hören und auch auf ihn
zurückzukommen, aber auch den sichtbaren Gegenpol anzusprechen. "Was
hat denn dein Baum noch?"
EDELTRAUD: "Meine Kastanie hat schöne Lichter aufgesteckt. Ich
möchte gesehen werden, auch mit meinen schönen Seiten."
In dem Wort "auch" sind wir wieder zum Eingangssatz zurückgekehrt,
denn die Narbe wird als häßlich erlebt, ist die andere Seite
des schönen Baumes. Aber beides gilt es zusammen anzusehen (s.a. ANNAS
zwei Baumseiten). Nachdem wir die schönen und liebenswerten Seiten
des Baumes haben beschreiben lassen und sie sich dadurch ihren Stärken
bewußter sein kann, können wir noch einmal vertiefter zur Geschichte
der Narbe zurückkehren und danach fragen, wer ihr die zugefügt
hat und was sie bedeutet. Sie erzählt von der vergiftenden Moral der
Mutter, die ihr Schuldgefühle im Zusammenhang mit ihrer Sexualität
und Sinnlichkeit eingeimpft hat, so daß EDELTRAUD sich lange für
häßlich und "böse" hielt, nicht wert geliebt zu werden.
Sie hat die tiefe Narbe des Baumes aber so gemalt, daß "das Gift
heute abfließen kann und nicht mehr ihre leuchtenden Kerzen bedroht".
Auch ANNA erzählt uns eine ähnliche Geschichte über Abwertung
und Beschämung ihrer Sinnlichkeit und Sexualität.
Ihr Gedicht spricht sehr direkt ihren Schmerz aus:
"Aufgerichtet in den Himmel, kommend aus der Tiefe der Erde,
genährt, gewachsen, gefüllt
im Laufe der Zeit.
Verletzt, beschädigt, beschnitten,
er seufzt, er stöhnt, er weint -
in schlimmen Zeiten,
Dort steht er:
er rauscht,
er blüht,
er träumt.
er lebt - der Baum."
(zitiert aus Band II, S.382f.).