Helga Nitsch-Berg & Hiltraud Kühn

Kreative Medien und die Suche nach Identität

Methoden Integrativer Therapie und Gestaltpädagogik für psychosoziale Praxisfelder


Beispiel und Leseprobe

Die Bäume erzählen auch von den Wunden des Lebens:
weibliche Geschichten


Da die psychotherapeutische Arbeit mit Bildern und Imaginationen die Abwehrmechanismen und Widerstände unterläuft, stoßen wir oft überraschend auf verborgene Wunden, wie uns z.B. auch die Baum-Bilder zeigen. Es ist dann wichtig, die sichtbaren Stärken im Bild aufzugreifen, um dadurch gewappnet auch an die Verletzungen gehen zu können (s.a. Schmeer 1990).

Es ist oft überraschend, wie schnell besonders Frauen anfangen, von ihren Narben und Verletzungen zu sprechen, auch dann, wenn sie auf den ersten Blick einen "schönen" Baum gemalt haben. Sie haben früh gelernt, ihre Verletzungen zu verstecken.
 
 

Abb. 83 (EDELTRAUD)
Abb. 84 (ANNA)

EDELTRAUD (Abb.83) und ANNA (Abb. 84) zeigen in sehr ähnlicher Weise ihre zwei Seiten:
So fängt EDELTRAUD an, ihren Baum mit der Bemerkung zu beschreiben: "Ich habe eine tiefe Narbe in mir, die sehr schmerzt."
Hier ist es sehr wichtig, diesen Satz zu hören und auch auf ihn zurückzukommen, aber auch den sichtbaren Gegenpol anzusprechen. "Was hat denn dein Baum noch?"
EDELTRAUD: "Meine Kastanie hat schöne Lichter aufgesteckt. Ich möchte gesehen werden, auch mit meinen schönen Seiten." In dem Wort "auch" sind wir wieder zum Eingangssatz zurückgekehrt, denn die Narbe wird als häßlich erlebt, ist die andere Seite des schönen Baumes. Aber beides gilt es zusammen anzusehen (s.a. ANNAS zwei Baumseiten). Nachdem wir die schönen und liebenswerten Seiten des Baumes haben beschreiben lassen und sie sich dadurch ihren Stärken bewußter sein kann, können wir noch einmal vertiefter zur Geschichte der Narbe zurückkehren und danach fragen, wer ihr die zugefügt hat und was sie bedeutet. Sie erzählt von der vergiftenden Moral der Mutter, die ihr Schuldgefühle im Zusammenhang mit ihrer Sexualität und Sinnlichkeit eingeimpft hat, so daß EDELTRAUD sich lange für häßlich und "böse" hielt, nicht wert geliebt zu werden. Sie hat die tiefe Narbe des Baumes aber so gemalt, daß "das Gift heute abfließen kann und nicht mehr ihre leuchtenden Kerzen bedroht". Auch ANNA erzählt uns eine ähnliche Geschichte über Abwertung und Beschämung ihrer Sinnlichkeit und Sexualität.

Ihr Gedicht spricht sehr direkt ihren Schmerz aus:
"Aufgerichtet in den Himmel, kommend aus der Tiefe der Erde,
genährt, gewachsen, gefüllt
im Laufe der Zeit.
Verletzt, beschädigt, beschnitten,
er seufzt, er stöhnt, er weint -
in schlimmen Zeiten,
Dort steht er:
er rauscht,
er blüht,
er träumt.
er lebt - der Baum."

(zitiert aus Band II, S.382f.).